Zur Berlin Biennale in den Kunstwerken wurde in diesem Jahr schon viel Vernichtendes geschrieben, doch das eigentlich Neue der Biennale ist deren Ausbreitung nach Dahlem in diesem Jahr. Das Haus am Waldsee und die Staatlichen Museen Dahlem präsentieren in ihren Räumen moderne Kunst, und gerade in den Museen in der Lansstrasse führt dies zu überraschenden Perspektiven und Kontrasten.

Denn die Exponate der Biennale werden inmitten der regulären Exponate des Ethnologischen Museums präsentiert. Zum Teil in eigenen Räumen, manchmal auch vor anderen historischen Kunstwerken aus aller Welt und aller Kulturen. Reizüberflutung ist also garantiert, und man sollte in jedem Fall genug Zeit für diesen Besuch einplanen. Denn es werden sehr viele Videoarbeiten im Rahmen der Biennale dort präsentiert. Besonders herausragend dabei ist die über eine kleine Treppe zu erreichende Arbeit UNRAVEL von Anri Sala.

Der hohe, dunkle Raum ist klassisch eingerichtet. Ein Videoscreen, zwei Bänke, Lautsprecher. Das alles erinnert an einen Andachtsraum, und dies korrespondiert hervorragend mit dem gezeigten Video selbst.

Dieses zeigt eine Frau in einem hellen Raum, der noch wesentlich höher als der Projektionsraum ist, in dem sich der Zuschauer befindet. Tageslicht dringt ein und zeigt ihr Gesicht deutlich, ihre absolute Konzentration. Die Tür steht offen. Die Frau ist absolut fokussiert, doch sie betet nicht, sondern trägt Kopfhörer und bedient zwei Plattenspieler sowie den Mixer. Das klassische DJ-Setting also, doch wir wissen bereits seit dem Eintreten, dass dem nicht so ist.

Denn wir hören klassische Musik, die hier gemixt wird. Gescratcht wird. Übereinandergelegt wird. Überraschende Sounds, ästhetische Klänge. Eben keine DJane im klassischen Sinne, so ganz ohne elektronische Klänge. Sondern Klassik remixed, unsere Hörgewohnheiten bereichernd und uns unsere bisher sorgfältig gewählten Grenzen unseres Musikgeschmacks aufzeigend. Der überraschende Faktor ist in diesem klassischen Genre einfach wesentlich grösser. Alles ist Cut Up, ist ReMix, alles bekommt eine neue Geschwindigkeit. Streicher werden abgewürgt. Pauken erzittern extrem langsam. Crescendi kumulieren in Ekstase. Dadurch erst entsteht das Neue, und dies wirkt bei klassischer Musik wegen ihrer in einer eigenen Sprache niedergeschriebenen und festgelegten Werke besonders verstörend. Denn hier werden traditionelle Regeln des Hörens klassischer Musik außer Kraft gesetzt. Und mit dem Können der DJane kombiniert und erweitert. Schon alleine wegen dieser Klänge in der von Anri Sala bespielten doppelten Kathedrale lohnt sich der Besuch in Dahlem.

 

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Dahlemer Kathedrale von Anri Sala
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