Es ist heute doch ziemlich befremdlich zu hören, Channa Horwitz habe ihren Mann jedesmal um Erlaubnis fragen müssen, wenn sie an ihren Zeichnungen arbeiten wollte. Solche antiqierten Verhaltensweisen werden heute sofort mit Saudi Arabien oder dem Islamischen Staat assoziiert, doch Channa Horwitz lebte in den 60ern in Los Angeles, USA.

Das ist etwa ein halbes Jahrhundert her, und damals galten dort für uns recht seltsam anmutende, traditionelle Regeln, in denen Künstlerinnen selbst in den USA nicht für voll genommen wurden. Wenn man dies berücksichtigt erstaunt es bereits etwas weniger, dass diese konzeptuell arbeitende Frau auf ihrem stetigem Weg in die Abstraktion keinerlei Reputation erfuhr, weder in Galerien und Museen in den USA noch in anderen Staaten.

Gestern aber eröffneten die Kunstwerke die erste umfassende Einzelausstellung der kalifornischen Künstlerin Channa Horwitz: COUNTING IN EIGHT, MOVING BY COLOR

Wer auf überwiegend schwarz und weiss, Abstraktion und serielle Kunst steht wird sich dort sofort äußerst wohl fühlen. Basierend auf dem US-Millimeterpapier, das nur 8×8 Kästchen im Gegensatz zum für uns gewohnten 10er System besitzt, entwickelte Channa Horwitz ein ganz eigenes, völlig transparentes Notationssystem, das völlig logisch und für Jeden nachvollziehbar daherkommt. Es sind Diagramme, die sowohl Zeit als auch Bewegung festhalten und an moderne Partituren erinnern. Parallelen zu musikalischen Notationssystemen drängen sich auf, nur dass hier Überraschungen komplett ausgeschlossen sind. Es gibt nichts, was aus diesem System ausbrechen könnte. Chaos wie etwa in der Mathematik kommen in Channa Horwitz Bilderwelt nicht vor, auch Zufälle oder Improvisation, Variation wie in der Musik ständig präsent, sind bei ihr ausgeschlossen.

Bei vielen Werken sind kleine Konstruktionszeichnungen implementiert, die als erste Skizze bereits das endgültige, vollständige Werk enthalten. Einfache Regeln, immer auf der Zahl 8 wegen des angesprochenen Papiers – das also kein Millimeterpapier ist, nun gut – basierend, versetzen den Betrachter in eine geordnete Ruhe. Keine Ablenkung ist möglich, kein Ausbrechen, Aufbäumen, lediglich die stoische Hingabe an die Ordnung zieht in den Bann. Und genau dies ist sehr schwierig auszuhalten, besonders für uns Informations- und Ablenkungsjunkies im Hier und Heute. Denn Channa Horwitz beteiligt sich nicht an unserem überbordendem Informationsüberfluss, sie seziert alles mit ihren durchdachten und geordneten Notationen.

Sie selbst sagt dazu:1
„Mit Hilfe der deduktiven Logik habe ich eine visuelle Philosophie erarbeitet. Denn ich hatte das Bedürfnis, die Zeit zu kontrollieren und zu komponieren, so wie ich zuvor zwei-dimensionale Zeichnungen und Malereien kontrolliert und komponiert hatte. Als Grundlage für die visuelle Beschreibung der Zeit wählte ich ein Diagramm. Dem Diagramm ordnete ich Werte zu: Ein Zoll steht für einen Pulsschlag in der Zeit. Unter Anwendung dieses Diagramms habe ich Kompositionen erschaffen, die Rhythmus visuell darstellten.“

Die Zeit zu kontrollieren ist eine überwältigende Aufgabe, und was hier zum Ausdruck kommt ist nichts weniger als eine Anleitung zur Verschränkung verschiedenster Kunstgattungen. Bei Channa Horwitz führt die Zeichnung und Malerei zu Performance und Konzert. Ihre Kompositionen bilden konkrete Anleitungen zu musikalischen und choreographischen Performances. Damit hat sie eine klare Vision erschaffen, die gerade heute, wo scheinbar alles geht und nichts bindend ist, erschreckende Aktualität besitzt.

1 s. Wikipedia

Noch bis zum 25. Mai 2015 in den Kunstwerken
Auguststrasse 69
10117 Berlin

 

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Channa Horwitz
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