Was passiert eigentlich, wenn man die trendigen Bezirke hinter sich lässt? Die Hipster Hochburg Neukölln mit ihren im dichten Altbaubestand hervorsprießenden Bars mal links liegen lässt, und auch das von Flüchtlingen und Bulleneinsätzen dominierte Kreuzberg mit seinen vielen Touristen einfach mal vergisst?

Dann landet man irgendwann in den absolut nicht angesagten Bezirken. Etwa in Schweineöde, wo sich ja langsam doch etwas tut, oder aber in Lichtenberg. Wer auf asiatische Küche steht war garantiert schon mal dort, denn der größte Großhändler für asiatische Spezialitäten ist das Dong Xuan Center. Selbst aus Polen rollen die Laster dort bereits frühmorgens hin, nirgends gibt es so frischen Koreander, so ausgefallenes Gemüse, so scharfe Chilis. Mein Paradies!

Nur leider war ich beim letzten Besuch, nach einer ziemlich langen Wanderung in brütender Hitze durch Industriegebiete, ohne Bars, ohne Hipster, ohne Schatten, etwas unbedacht. Denn es war Dienstag. Als wir auf dem Gelände ankamen waren alle drei riesigen Hallen leider geschlossen, der Parkplatz vollkommen leer. Nur das Restaurant war geöffnet. Die einzigen Gäste, die kein vietnamesisch sprachen, waren wir. Und als wir Huhn bestellten warnte uns die Bedienung. Ich verstand erst nicht weshalb, doch das zeigte sich dann, als der Haufen kleingehacktes Huhn auf dem Tisch stand und absolut nichts mit Wiener Wald oder Chicken Kebab zu tun hatte. Doch seht selbst:

Foto: Carlotta Sennato

Etwas gewöhnungsbedürftig, sah man doch ziemlich genau, was das Beil aus dem ehemals hoffentlich fröhlich über den Acker rennenden Huhn gemacht hatte. Da war alles ehrlich, ganz direkt. Du ißt ein Huhn, und bist Dir klar daß es zuvor getötet wurde. Keine Camouflage, keine Panade, kein Brot, in dem sein Fleisch versteckt wird.

Das kalte Bier und der scharfe Chili rettete mich, meine Begleiterin brachte keinen Bissen hinunter. Sie bestellte Gemüse, und die Bedienung war tödlich beleidigt, als wir nicht alles aufaßen. Ich hoffe ich kann trotzdem nochmal wiederkommen.

Um das Ganze zu verdauen bewegten wir uns weiter, Richtung Allee der Kosmonauten. Ich liebe diesen Straßennamen, wieso kam im Westen keiner auf die Idee? Astronautenallee wäre auch nicht schlecht, aber natürlich noch lange nicht so poetisch. Um dort hinzugelangen, mußten wir am Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge vorbei. Eine absolut idyllische Anlage, und so pragmatisch! Der Friedhof liegt direkt gegenüber, kurze Wege sind garantiert. Es soll sich bloß keiner Illusionen machen, es ist sowieso klar wo das alles hinführt. Die Deutschen sind schon sehr praktisch veranlagt.

Doch immerhin finden sich dort auch Plastiken, Kunst am Krankenhaus sozusagen. Lauter unerwartete Begegnungen also, und so grün in Marzahn!

Foto: Carlotta Sennato

Jetzt kamen wir langsam im Plattenbaughetto an, und ich erinnerte mich an das Tacheles. Das Exil nach der gewaltsamen Vertreibung aus dem Touristenghetto in der Oranienburger in Mitte lag doch hier um die Ecke! Wir machten uns auf die Suche, entlang der Tram Richtung Springpfuhl, und suchten die Alte Börse Marzahn. Das hörte sich einfach an, die Adresse war klar. Doch zunächst irrten wir in einem riesigen Einfamilienhaus Paradies herum. Oder besser, in einem in Entstehung begriffenen Einfamilienhaus Paradies. Einzelne häßliche, bereits fertiggestellte Klötze zwischen Schlamm und Staub, wo nebenan noch mehr Klötze entstehen und in den nächsten Jahren die Baustellen kein Ende nehmen werden.

Schließlich fanden wir das Gelände, hinter den ganzen Baustellen versteckt. Idyllisch, renoviert, Kopfsteinpflaster auf dem Hof. Irgendwo dahinter einige der Künstler des Tacheles, die in den wesentlich weniger schicken Baracken Unterschlupf gefunden haben. Dazwischen einige bereits bekannte Kunstwerke, die jetzt im grünen Marzahn einen ganz anderen Charme entfalten.

Das trifft auch auf das Programm zu, das doch eher auf die Nachbarn abzielt. Fussball und Tatort beim public viewing, also nichts weswegen man unbedingt hierher kommen müsste. Es wird also noch dauern, bis Marzahn hip wird. Und vielleicht ist das auch ganz gut so.

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Die Platte ruft
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3 Gedanken zu „Die Platte ruft

  • 17. Juli 2014 um 08:25
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    Arguing that Marzahn was a „ghetto“, a „whole mess“ just reveals your inherent ignorance and narrow-mindedness towards an ordinary neighbourhood. If you were just a bit more considerate and unprejudiced, you would’ve realised that. Visiting such a borough in the fashion of an explorer who expects excitement and exoticism might be the manner of a tourist in one’s own city, and clearly, you’re only concern is Marzahn’s hipness or lack thereof based on your very own discontent with Neukölln and Kreuzberg, while you lack the understanding about the futility of such criteria and categories. Visiting a place in order to compare it with your narrow mindset about it and other places is, quite frankly, not the educated and humble way to honestly and unbiasedly get to know new places and the people who live there.

  • 17. Juli 2014 um 09:03
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    The term ghetto seems to be pretty provocative, and I used it for Oranienburger Strasse, too. This is maybe not the right term, because there are no real ghettos in Berlin. I used it trying to explain exactly what you are critizing, the narrow mindedness and prejudice against east Berlin neighbourhoods.

    The mess is clearly referred to the construction site, it´s mud and dust. Not about Marzahn itself.

    And I can´t really get why you consider it as narrow minded to explore the city with open eyes, maybe even as tourist in my own city. So what?

    Last thing is just an example what you could do integrating sports events into a cultural programme: http://www.micamoca.com/wordpress/?p=23. We did this in Wedding, which for sure is not a hip place. either.

  • 5. August 2014 um 07:05
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    Publishing provocative opinions often seems to be the only way to open a discussion. Most of the time what should be play the role of a constructive critic works just as a worthless and empty event’s description. In a big city such as Berlin is, could be not that bad going around as a tourist, discovering the good and the bad, with wide opened eyes ready to be surprised in front of what seems to be defined as a ghetto, but still owns beauty somewhere thanks to the people who have been brave enough to choose that area to start something. Bored about the flat vibe of creativity in most of the Berlin Neukölln/Kreuzberg’s places, Marzahn maybe bodes something different. Es wird also noch dauern, bis Marzahn hip wird. Und vielleicht ist das auch ganz gut so.

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