Dies ist ein alter, sehr alter Text. Geschrieben etwa 1994, im letzten Jahrtausend, als die Handys noch grellhellblau und riesengross waren. Als die Bonners langam in Berlin einsickerten und noch keiner an Gentrification auch nur dachte, weil die Euphorie so gross war. Endlich nicht mehr als kapitalistische Insel im sozialistischen Meer rumdümpeln, sondern wieder Weltstadt sein:
Berlin! Maßlos! Wichtig!
Inzwischen hat sich dies ja relativiert, denn die Stadt ist zwar immer noch arm, dafür aber wesentlich weniger sexy. Denn das Leben hier wird immer teurer und langweiliger, da der Mainstream mit der Globalisierung und dem damit einhergehenden Tourismus auch in Berlin einfallen. Aber lest selbst wie sich das damals so angefühlt hat:

Leichte Tropfen fallen vom dunklen Himmel, der vom Neon der PR-Agenturen fahl überdeckt wird, hinterlassen Spuren auf dem Wildledermantel. Trotzdem genießt Bruno die kühle Nachtluft, atmet tief ein, geht aufrecht und richtet seinen Blick in die Ferne, denn er hat den Tag vor seinem Monitor verbracht, mit starren Augen, von verbrauchter Luft umgeben, Nikotin in seine Lunge ziehend, ohne Pause. Termine müssen schließlich eingehalten werden, er braucht auch den Druck, ohne würde er nicht funktionieren. Jetzt aber ist er endlich draußen, Freitag Nacht, viel Volk in den vereinzelten fertigen Bars dieses Viertels, und er weiß sogar wo er tanzen gehen könnte. Doch noch zieht er es vor, einfach draußen zu sein, versucht Sterne zu erspähen, aber es scheint als sollten noch mehr Wolken aufziehen und der Regen dichter werden.

Als sein Weg sich dem blauen U nähert, beschließt er hinabzusteigen, vorbei an den dunklen gekleideten Jungs, die den Eingang belagern und ihn unverwandt anstarren, auf Umsatz hoffend. Wütend starrt er zurück, direkt in die Augen des Aufdringlichsten, der zurückweicht, diese Reaktion nicht erwartend. Nein, bloß kein Kiff jetzt, und schon gar nicht von diesen Turks, die garantiert die mieseste Qualität auf Tasche haben. Bloß nicht. Seit Wochen ohne, er träumt endlich wieder, oder vielmehr jetzt kann er sich an seine Träume erinnern. Seit Jahren nicht gekannt, Bruno hatte fast vergessen, dass er überhaupt träumen konnte. Nicht immer angenehm, schweißgebadet wacht er auf, jede Nacht, schlimmer aber fühlt er seine Narbe am Hinterkopf, juckend, fortwährend. In seinem Dämmerzustand zuvor war ihm dies kaum aufgefallen, jahrelang, doch jetzt, als er zwischen dem Müll auf der Treppe der 8 entgegensteigt, kommt ihm die Erinnerung wieder.

Vor Jahren war es gewesen, damals zu Zeiten der Konsolidierung, als alle noch darauf hofften, dass die Stadt mutieren würde. Das hatte sie zwar getan, aber entgegen der Erwartungen nicht zur glänzenden Weltstadt, die es – zumindest in den vollmundigen Versprechungen der grauen Apparatschiks aller Parteien – mit NYC und London würde aufnehmen können. Zwar war damals auch die Regierung an die Spree gekommen, Bonner Beamtenvolk entwickelte sich seitdem in glänzenden Nischen, abgekoppelt vom Rest der Stadt, der Wohnungsmarkt der oberen Preisklasse war seitdem härter umkämpft, bloß drum herum, in den aufgegebenen Ecken, zerfiel alles in atemberaubendem Tempo. Vielleicht hatten sie das mit dem Vergleich mit Tokyo und Paris gemeint, härtere Konkurrenz, schärfere Kontraste, schwierigeres Leben, doch offen ausgesprochen wurde es nie, daran konnte er sich gut erinnern.

Konsolidierung. Wie treffend diese Kategorisierung der Zeit auch auf ihn zutraf dämmerte ihm, als er rauchend zwischen in Mülleimern wühlenden Männern, die dringend eine Dusche gebraucht hätten, auf den Zug wartete. Damals war er auf der Kippe gestanden, ohne Kohle, mit der Miete im Rückstand, verzweifelt nach Geld grabschend. Jede Möglichkeit hatte er wahrgenommen, und eine davon prägt ihn bis heute. Wieder kratzt er sich, diese verdammte Narbe, als endlich der Luftzug des herannahenden Zuges zu spüren ist, der mit sanftem Rauschen einfährt. Bruno tritt durch die Infrarotschranke, check seiner Iris im Vorübergehen, alles in Ordnung, kein Stromschlag diesmal, betritt den unsichtbar abgesperrten letzten Meter bis zur Bahnsteigkante, der sauber ist, aufgeräumt, und die Türen öffnen sich lautlos. Drinnen entsetzliches Neon, ohne Sonnenbrille nicht zu ertragen, Gedränge langweilig gekleideter Menschen, nicht arm, aber stillos.

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